„25 Jahre auf einer Seite“
9.2.06
Das Werk des Konzeptualisten Vadim Zakharov in der Tretjakow-Galerie Moskau 1997 zum Steirischen Herbst in Graz entstand eines der zentralen Werke von Vadim Zakharov, „Erste Korrektur zu Marcel Proust: Die Tötung des Madeleine-Gebäcks“. Eine absurde Geschichte, die ihre Realisierung in verschiedenen Medien erfuhr, als Performance, Film, Installation (mit Schreibtisch und Stuhl, dem Ort des Denkens, hinter dem an der Wand die Filmsequenzen in einer Reihe von Bildtafeln erscheinen), als musikalisches Requiem in der Aufführung von Ivan Sokolovs Komposition, die der Tat, d.h. dem inszenierten Zerstörungsakt folgte, und schließlich als Publikation für Bibliophile mit dem erwähnten deutschen Titel. Zerstört wurde das, woran sich bei Marcel Proust Erinnerung an Vergangenes entzündete, das Teegebäck mit dem Namen Madeleine. Ihr folgt der Prozeß, den in Abwesenheit Franz Kafka führt.
Die Exekution der Madeleine ist jetzt eines der zentralen konzeptuellen Werke in Vadim Zakharovs erster großer Werkübersicht, die ihm die Tretjakow-Galerie in Moskau in Zusammenarbeit mit der Moskauer Galerie Stella und mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Bank eingerichtet hat. Ihr Titel zielt wieder auf Mnemosyne und die zerstörerische Wirkung der Zeit: „25 Jahre auf einer Seite“. Die Publikation, die eine solche Komprimierung dokumentiert, stellt ein in die Druckerschwärze versunkenes ausgelöschtes Werk dar.
Vadim Zakharov ist einer der russischen Künstler, der in der Zeit der Perestroijka in den Westen kam und jetzt, da Moskau als Kulturstadt wieder aufblüht, zwischen Köln und seiner alten Heimat hin- und her pendelt. Im Westen ist er schon wesentlich länger bekannt als in Moskau. Dort beginnt man seine Kunst wie die der anderen russischen Konzeptualisten der achtziger Jahre seit einiger Zeit erst zu entdecken. Mit ihr öffnet sich auch ein Fenster in die Vergangenheit, die Zeit der Restriktionen, in der eine solche Kunstform in die Köpfe oder den kleinen privaten Kreis verbannt war. In der Öffentlichkeit war sie in Moskau so gut wie nicht präsent. Ausstellungen fanden in Privatwohnungen statt, Performances im Wald.
Zur Aufarbeitung der russischen Konzeptualisten trägt jetzt die Tretjakow-Galerie mit einer Reihe von Ausstellungen wie dieser von Vadim Zakharov bei. Es ist seine erste umfassende Museumsretrospektive. Ergänzt wird sie von einer gleichermaßen hervorragenden Ausstellung in der Moskauer Galerie Stella.
Zu sehen sind Bücher – sie sind häufig nur als Unikate oder in wenigen Exemplaren entstanden – , Mappenwerke, photographische Zyklen, Videoarbeiten, Performances, Objekte, Installationen, monochrome Malerei. Das sind nur die verschiedene Erscheinungsformen „einer“ Ideenwelt, ihre Metamorphosen und Masken.
Vadim Zakharovs Werk kreist um zwei zentrale Themen, Erinnerung und Erinnerungszerstörung, Speichern und Auslöschen. Aus westlicher Sicht sind sie symptomatisch für unsere Zeit, das Zeitalter digitaler Medienkommunikation, aus russischer Perspektive aber stehen sie zusätzlich noch für die Erinnerung an die einstmals verbotene oder „unerwünschte“ Literatur in Zeiten der UdSSR, deren Besitz oder Lektüre mit mehreren Jahren Arbeitslager geahndet werden konnte. Mit dem Verbot bestimmter Literatur war selbst die Auslöschung der Erinnerung an den Autor verbunden. Offiziell gab es in der Sowjetunion weder Nabokov noch andere Emigranten- oder Dissidentenliteraten. Aber gerade an Nabokovs Romanfiguren und seinen legendären Vorlesungen zu Don Quijote entzündet sich nur allzu leicht Zakharovs Phantasie. Das literarische Terrain, das er für seine assoziationsreiche Ideen-Kunst wie ein gedankliches Labyrinth vermißt, war weitgehend ein verbotenes oder zumindest unerwünschtes. Was Literatur in den Köpfen bewirken kann, thematisiert sein „Cult (s) Control“, ein aus einem Puppenspiel von 1996 entwickeltes mehrteiliges photographisches Panorama von Dichtern, Philosophen und Psychoanalytikern mit beweglichen elektrifizierten Augen. (Die Deutsche Bank hat dieses Werk der Zakharov-Retrospektive für ihre Kunstsammlung angekauft.)
Der geistige Raum, aus dem das konzeptuelle Werk Vadim Zakharovs erwächst, ist Literatur und Philosophie. Dem Buch gehört seine Liebe. Aus Büchern, Buchtiteln, literarischen Gestalten, literarischen Motiven und Objekten steigt seine Phantasie auf, daraus entwickelt er seine eigenen Geschichten, seine Aktionen, Performances, seine hintersinnigen Spiele mit Assoziationen, seine eigenen Rollen, in die er schlüpft, um als Autor Teil seiner Ideenwelt zu werden, mal in Gestalt eines einäugigen Piraten, mal als Pastor, dem wie dem traurigen Ritter Don Quijote die unglaublichsten Abenteuer passieren. Und immer ist dem Ganzen auch etwas Autobiographisches beigemischt, zumindest in der Sicht auf den Künstler. Geschichten entstehen aus Geschichten, die am Ende wieder in ein Buch münden, der minuziös verfaßten Dokumentation des Geschehens. Selbst die hervorragend von ihm gestaltete Ausstellungspräsentation assoziiert immer wieder das Buch, ein Buch, in das wir wie in einen geistigen Raum eintreten. Dieser Raum hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Seine Realität liegt außerhalb der Zeit in der durch immer neue Assoziationen ausgelösten Erinnerung.
Eines der suggestivsten Werke ist „Tote Seelen“ in Anspielung auf den Roman von Gogol, der den zweiten Teil nach seiner Niederschrift selbst verbrannte. Tote Seelen sind bei Zakharov die Phantasmagorien, die aus den marmorierten Mustern seiner Badezimmerkacheln in der Gleuler Straße 22 in Köln aufstiegen, aufgelöste Gesichter, fratzenhafte Physiognomien wie Meskalinzeichnungen, die er in eine Reihe kleiner Photographien festhielt. Das Panorama dieser toten Seelen ergänzt eine nicht minder makaber wirkende Photographie von Repins Gemälde, „Gogols Selbstverbrennung“ (Alte Tretjakow-Galerie).
Buch und Buchverbrennung, Buchtext und seine Komprimierung auf einer Seite, Madeleine-Gebäck und ihre Exekution durch einen Polizisten, Sprache und ihre Regression in den infantilen Lauten der Comics, wofür Vadim Zakharov ein eigenes Lexikon erstellte: Das sind Beispiele verschiedener Erscheinungsformen oder Titel seines zentralen Themas, das, ausgelöst durch einen geistigen oder realen Ort, sich im inneren Monolog labyrinthisch ergeht.
Selbst in den wortreichen Diskursen verschiedener Philosophen, die in einem von Zakharov in der Stella-Galerie inszenierten roten Boudoir auftreten, klingt es an. Assoziiert wird das Boudoir, in dem Marquis de Sade „die Philosophie“ zum Monolog verurteilte.
Von überall rufen uns diese Werke etwas ins Gedächtnis und bringen es auf diesen gemeinsamen Nenner von Erinnerung und Auslöschung.
Als Begleitwerk zur Ausstellung hat Zakharov eine typographisch herausragende Publikation erstellt, ein Objekt für Bibliophile. Zweisprachig (russisch und englisch) führt es auf 370 Seiten durch sein Werk. (Erhältlich bei der Buchhandlung König)
Barbara Catoir
Tretjakow-Galerie und Galerie Stella in Moskau bis 3. März 2006.